Tradition

Kandis

Die Kandislandkarte Nord/Süd

Über 400.000 Tonnen Zucker werden jedes Jahr von den Deutschen vertrunken, verbacken oder verkocht. Davon entfallen ca. 10.000 Tonnen auf Kandis. Würde man eine Landkarte einfärben, die die Verwendung von Kandis anzeigt, ergäbe sich ein eindeutiger Farbverlauf, der nicht zufällig der gleiche wäre wie für die Verteilung der Teetrinker in Deutschland: dunkel im Norden, heller werdend Richtung Süden. So werden über 40 Prozent des Kandis im Nordwesten unseres Landes verkauft, in Ostfriesland. Immerhin noch jedes fünfte Paket findet seinen Abnehmer in Nordrhein-Westfalen. Auch die Vorlieben für weißen beziehungsweise braunen Kandis sind eindeutig verteilt: Über die Hälfte des weißen Kandis versüßt schwarzen Tee in norddeutschen Tassen. Je südlicher der Zuckerreisende auf seiner Deutschlandreise käme, desto häufiger würde ihm brauner Kandis angeboten werden, denn Bayern und ihre Nachbarn kochen sich neben dem Kaffee weniger schwarzen als vielmehr Kräuter- oder Früchtetee. Und für den wird häufiger brauner Kandis verwendet.

Aber auch wenn über 90 Prozent der Kandisfreunde ihren kleinen „Edelstein“ für den Tee verwenden, so finden sie doch noch weitere Einsatzmöglichkeiten: Zum Beispiel lutschen sie die Stückchen als kleine Bonbons (45 Prozent) oder nutzen altes Wissen der Großmutter und stellen aus Kandis und Zwiebeln einen hustenlösenden Sirup her (33 Prozent). Zum Backen und Verfeinern von Süßspeisen nutzt jeder Zehnte den Kandis. Für jeden Fünften gehört der Kandis in einen selbst gemachten Likör, in den Rumtopf oder den Punsch.

Die ostfriesische Tee-Tied
Der Inbegriff des traditionellen Kandisverwenders ist in Ostfriesland zu finden. Tee hat dort den Status eines Nationalgetränks, und ohne ein Stück des Kluntje Kandis wäre eine Tee-Tied, die klassische Teezeit, undenkbar. Ostfriesen trinken jedes Jahr die größte Pro-Kopf-Menge an Tee (288 Liter) in Deutschland und hätten, wollte man sie in eine internationale Rangliste einordnen, den viertgrößten Verbrauch weltweit (nach Irland, Libyen und Katar). Kein Wunder also, dass sich im Laufe der Jahrhunderte eine Zeremonie entwickelt hat, die der Bedeutung dieses besonderen Getränks Rechnung trägt. Und es ist sicherlich nicht vermessen zu sagen, in Ostfriesland wurde das moderne Konzept der Entschleunigung gewissermaßen erfunden und zur Vollendung gebracht. Wer mag sich da noch fragen, warum der Kandis in dieser Region besonders groß ist?

Mehrmals täglich unterbricht ein Ostfriese sein Tagwerk für eine Tasse Tee. Für einige Minuten klinkt er sich aus der Schnelligkeit des Alltags aus und begeht die Tee-Tied. Ablauf und Zubereitung sind klar geregelt: Drei Tassen à 0,1 Liter gehören zu einer Einheit. Zuerst kommt ein weißer Kluntje in die leere Tasse; ein ganz großes Stück Kandis, das fast ausschließlich in Ostfriesland verwendet wird. Der schwarze Tee aus der vorgewärmten Kanne wird in die möglichst dünnwandige Tasse eingegossen und schon beginnt der erste Teil der Meditation, das Lauschen auf das zarte Knistern des zerspringenden Zuckerkristalls. Zu einem Ostfriesentee gehört Sahne. Sie wird mit einem flachen, gebogenen Sahnelöffel an den Rand der Tasse abgesetzt. Die kalte Sahne läuft in dem heißen Tee nach unten und steigt wie eine Wolke wieder auf. Umgerührt wird der Tee nicht. Er wird vielmehr „dreistöckig“ getrunken: Der Teetrinker oder die Teetrinkerin schmeckt also die Milde der Sahne, dann die Herbheit des heißen Tees und schließlich die Süße des Kandis. Die Größe des Kluntjes ist so bemessen, dass er sich nach drei Tassen und 15 bis 20 Minuten aufgelöst hat. Und so geht es gestärkt zurück ans Tagwerk.